Vortrag und Gespräch mit Ingrid Meyer-Legrand am 02.02.2026
„Die Kraft der Kriegsenkel:innen – Von der Last zur Ressource"
Von Rita Linnenbank
Die Akademie Gegenwart konnte am Donnerstag, 23. April 2026 Ingrid Meyer-Legrand, Systemische Beraterin und Coachin aus Berlin im Hotel „Leib und Seele" begrüßen, die sich vor ca. 60 interessierten Zuhörer:innen mit dem Thema „Die Kraft der Kriegsenkel:innen – Von der Last zur Ressource" beschäftigt hat und sich selbst als Kriegsenkelin beschreibt.
Kriegsenkel:innen sind Kinder der Menschen, die im 2. Weltkrieg Kinder waren (geboren ca. 1928-1945). Frau Meyer-Legrand: „Das Trauma der Kriegskinder ist unser Lebensthema" - deren Kindheit geprägt durch Krieg, Nazi-Erziehung, durch Flucht und Vertreibung, Mangel, Verlust und Tod und die Nachkriegszeit in „Kalter Heimat"... hat viele Kriegskinder traumatisiert. Als Eltern waren sie später emotional abwesend, überfordert, ruhe- und rastlos, zusätzlich mit den Erfordernissen des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders beschäftigt. Die Forschung hat mittlerweile gut belegt, dass Traumata über Generationsgrenzen (unbewusst) weitergegeben werden.
"Wir", die Kinder der Kriegskinder, haben den (unausgesprochenen) Auftrag angenommen, die Eltern zu stützen, „Tröster:in unserer Eltern", „Ersatzeltern für jüngere Geschwister" oder „Sonnenschein der Familie" zu sein. Psychologen bezeichnen die sich daraus ergebende Rollenumkehr, mehr oder weniger „Eltern der eigenen Eltern" zu sein als „Parentifizierung": Die Kriegsenkel haben gelernt, ständig auf Empfang zu sein, die Kontrolle aufrechterhalten zu müssen, (viel zu früh) Verantwortung zu übernehmen. Wir mussten eigene kindliche Bedürfnisse zurückstellen, es gab kaum körperliche Nähe, bei uns durfte nichts schief gehen, wir sollten nicht auffallen, beste Schülerin, später bester Mitarbeiter sein, referiert Frau Meyer-Legrand die Forschungsergebnisse. Lob, Anerkennung oder auch nur Interesse für ihre Belange blieb den Kriegsenkeln meist versagt und es gab kaum Halt und Unterstützung. „Das schaffst Du schon!" „Das musst Du selbst wissen!" - Wie es uns ging und geht, wurden wir selten bis nie gefragt. Belgische Psychologen bezeichnen Parentifizierung in manchen Fällen sogar als „Emotionalen Inzest": Kinder würden von den Eltern vielfach benutzt für eigene emotionale Bedürfnisse - und die Grenze von „Ich und Du" verschwimme.
Die Referentin beschreibt, wie die hohen Leistungsanforderungen viele Betroffene notgedrungen stark gemacht hätten: sie seien später in Helferberufe im sozialen, medizinischen und therapeutischen Bereich gegangen. Sie hatten ja früh Empathiefähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, hohe Leistungsbereitschaft, Flexibilität, schnelle Auffassungsgabe und feine Antennen entwickelt und Erfahrungen als Trösterin, Vermittler und Schlichter gesammelt, Organisationstalent und Durchhaltevermögen gelernt.
„Parentifizierung macht stark, aber...", die Schattenseiten seien unter anderem Angst vor Nähe, überzogenes Pflichtgefühl und Perfektionismus, Misstrauen gegenüber Autoritäten (weil die Betroffenen die eigenen Eltern nicht als gute Autoritäten erlebt haben). Da es Kindern nicht möglich ist, die Eltern zu retten, seien (unbewusste) Schuldgefühle oft die Folge und viele Kriegsenkel gäben sich selbst nicht die Erlaubnis, ein eigenes selbstbestimmtes Leben unabhängig von Erwartungen und Bedürfnissen der Eltern zu führen. Zusätzliches Problem heute sei oft die Pflegebedürftigkeit der mittlerweile hochbetagten Eltern. Es bestehe die Gefahr, dass die Eltern noch fordernder werden und laut Tilman Moser das Geleistete nie genug ist und die erwachsenen Kinder immer mehr Bitterkeit und maßlose Wut ansammeln.
Hilfreich könne sein, meint Frau Meyer-Legrand sich bewusst zu machen, dass die Elterngeneration ja nicht nur schwach gewesen sei: sie habe die BRD aufgebaut und das Land zu einer wohlhabenden Gesellschaft gemacht, die auch durch die Kraft der Kriegsenkel:innen zu einer immer offeneren demokratischen Gesellschaft wurde: Arbeiterkinder konnten sich neue Welten erschließen, studieren, neue Lebens- , Arbeits-und Wohnformen gestalten. Die Kriegsenkel in Ostdeutschland waren treibende Kraft der Wiedervereinigung. Frau Meyer-Legrand beschreibt, dass die Kriegsenkel oft das Gefühl hätten, „nicht bei sich selbst angekommen" zu sein, was diese als Mangel und Makel erleben würden. Sie rät, die eigenen Lebenserfahrungen wertzuschätzen, sich bewusst zu machen, dass es eine besondere Qualität ausmache, „unterwegs geblieben zu sein", flexibel sein und bleiben zu können, mit Ambivalenzen umgehen zu können, innerlich beweglich und fähig, notwendige Veränderungen zu bewältigen.
Im anschließenden gemeinsamen Gespräch mit der Referentin wurde ein lebhaftes Mitteilungsbedürfnis der Zuhörer:innen deutlich und viele beschrieben eigene Lebenserfahrungen als „Kriegsenkel:innen". - Die Referentin , die auch 2 Bücher zum Thema verfasst hat, bietet alle 2 Monate online einen Livecall an. Am 27. Juni gibt es durch Frau Linnenbank und Frau Schmelter ein Workshop-Angebot in Walstedde, wo Gelegenheit zu persönlichem Austausch im kleinen geschützten Kreis sein wird.

